Gedanken zu "Krise und Kapital"
Bei zentralen Begriffen der Gegenwart tut man gut daran, ihre sprachliche Herkunft genauer zu beleuchten. So haben es uns die Philosophen vorgemacht, allen voran Martin Heidegger mit seiner unerreichten Definition des griechischen aísthesis (Wahrnehmung, später Ästhetik) oder alitheia (Wahrheit).
Das Wort „Krise“ verdient in diesem Zusammenhang besondere Beachtung, ist es doch als Grundgeräusch heutzutage allgegenwärtig und beherrscht es doch in immer neuen Komposita den Diskurs: Wirtschafts- und Finanzkrise, politische Krise, Ökokrise, Bildungs- und Gesundheitskrise, Krisenstab und Krisensitzung, Krisenherd, Ehekrise, Krise der Kunst, ja Lebens- und Sinnkrise.
Im Griechischen bedeutet κρίσις, (krísis) ursprünglich „die Meinung“, „Beurteilung“, später eine problematische Entscheidungssituation.
Seit dem 16. Jahrhundert ist der Begriff in der Medizin nachweisbar, wo er einen kritischen Punkt im Krankheitsverlauf und eine Markierung zwischen Leben und Tod bezeichnet.
Wenn Krise einmal eine Zuspitzung und ein Wendepunkt war, dann ist sie heute zur „Dauerkrise“ geworden, d.h. eine nie enden wollende Verschleppung unhaltbarer Zustände.
Das Verb κρίνειν = unterscheiden, trennen) bildet aber nicht nur die Wurzel von „Krise“, sondern auch von „Kritik“, ein glücklicher Umstand, welcher der Kunst nun große Wirkungsmöglichkeiten eröffnet.
Three thousand ducats; ´tis a good round sum.
Three months from twelve; then, let me see; the rate - -
Shylock in: William Shakespeare, The Merchant of Venice, Erster Aufzug, Dritte Szene, 1598
Ihr Kapital haben wir verfeuert, es war sehr klein, es hat nicht lange gebrannt, es hat uns trotzdem sehr gefreut, das Kapital, das arme kleine Kapital, das Sie einst besaßen“
Elfriede Jelinek, Die Kontrakte des Kaufmanns, 2008
Die Region Südamerika geht davon aus, dass die Krise nicht in erster Linie geographisch definiert und somit auf die klassischen Krisenregionen der Erde (Nahost, Afrika etc) begrenzt werden darf, sondern als globales Phänomen gesehen werden muss. Ferner soll die Krise nicht lediglich als wirtschaftliche oder politische Kategorie verstanden werden, sondern ebenso sehr als kulturelle und ethische Frage.
Viel beachtet wurde in diesem Zusammenhang der Beitrag des ehemaligen Verfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde „Woran der Kapitalismus krankt“ in der SZ vom 24.4.09:
Der Kapitalismus krankt nicht allein an seinen Auswüchsen und dem Egoismus von Menschen, die in ihm agieren. Er krankt an seinem Ausgangspunkt, seiner zweckrationalen Leitidee und deren systembildender Kraft. Deshalb kann die Krankheit auch nicht durch Heilmittel am Rand beseitigt werden, sondern nur durch die Umkehrung des Ausgangspunktes.
Zyklische Krisen gehörten schon immer zum Wesen des Kapitalismus. Der Crash an den Finanzmärkten im September 2008, der ironischerweise mit einem historischen Auktionsrekord der Werke des englischen Künstlers Damien Hirst zusammenfiel, hatte aber eine nie da gewesene Dimension, die das System bis in seine Grundfesten erschüttert hat, handelt es sich doch um die größte Vernichtung von Reichtum seit dem 2. Weltkrieg. Je nach Quelle und Schätzung beläuft sich der globale Schaden auf bis zu 50 Billionen Dollar, was ungefähr dem jährlichen Bruttosozialprodukt aller Nationen der Erde entspricht. Weltweit verloren 59 Millionen Menschen ihre Arbeit. Die Steuerzahler in aller Welt dürfte die Sanierung der Banken astronomische 3 Billionen Dollar kosten, das doppelte Bruttoinlandsprodukt Brasiliens. Was dieser Aderlass für die öffentlichen Kulturbudgets bedeutet, kann man sich leicht ausmalen. In den USA, dem ehedem reichsten Land der Erde, wurde ein großer Teil der Bevölkerung buchstäblich aus dem Wirtschaftskreislauf verbannt und sich selbst überlassen.
„In New York sieht man nicht deswegen kein Elend, weil es nicht existiert, sondern weil es gleich nach seiner Entstehung so schnell so groß wird, dass es nicht einmal mehr die Chance hat, sich zu zeigen“ schreibt Stephan Wackwitz vom dortigen Goethe-Institut in der TAZ vom 15.9.09.
Bei diesen Dimensionen stößt selbst die Sprache an ihre Grenzen. Während in den meisten europäischen Sprachen eine Zahl mit 9 Nullen als Milliarde bezeichnet wird, ist es im Englischen und Portugiesischen eine „Billion“ und im Spanischen gar „mil millones“. Tausend Milliarden wiederum sind in Europa eine Billion und in Amerika eine Trillion. Wen wundert es, dass angesichts dieser babylonischen Zahlenverwirrung die Rechnung nicht aufgehen kann?
Die Welt ist ärmer geworden, wenn auch nicht unbedingt klüger, denn alte Untugenden und eine Mentalität des „business as usual“ reißen ein, sobald sich erste Anzeichen der Erholung an den Börsen und Warenterminmärkten abzeichnen. Schon werden in New York in einer vulgären Variante von Nikolai Gogols Roman „Tote Seelen“ neue exotische Finanzprodukte auf den Markt geworfen, die mit der Lebenserwartung von Versicherten spekulieren.
Es bleibt also die beunruhigende Frage nach der Zukunftsfähigkeit eines Wirtschaftssystems, das an sich selbst zugrunde zu gehen droht. „Krisen sind die Abmahnungen des Seins“, soll Martin Heidegger gesagt haben.
Auch in Deutschland wurde der gute, alte „Rheinische Kapitalismus“ eines Ludwig Erhard mit seinem humanen Prinzip des „Leben und leben lassen“ Schritt für Schritt durch einen Finanzkapitalismus anglo-amerikanischer Prägung ersetzt, was dazu geführt hat, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich dramatisch vertieft hat. In dem Maße wie das Heer der Hartz IV – Empfänger anschwillt, wächst auch die Schicht der Neureichen. Jeder vierte Deutsche ist arm oder muss durch staatliche Leistungen vor Armut bewahrt werden.
Die drei reichsten Menschen der Welt besitzen inzwischen zusammen genauso viel wie die 600 Millionen ärmsten Erdbewohner, was fast der Bevölkerungszahl Lateinamerikas entspricht.
Bei der Analyse der Ursachen der Zerrüttung stößt man immer häufiger auf die klassische Todsünde der Habsucht, in den lateinischen Sprachen als „avaricia“ und im Englischen als „greed“ bekannt. Wo aber existentielle biblische Begriffe bemüht werden müssen, tut man gut daran, nicht nur Priester, sondern auch Künstler und Denker zu befragen.
Der brasilianische Psychoanalytiker Tales A.M. Ab´Sáber beugt sich neuerdings immer häufiger über einen neuen Patienten: den in einer grandiosen Lebenslüge verstrickten und Freudscher zwanghafter, selbst zerstörerischer Wiederholung ausgesetzten „Homo economicus“, in dessen Weltsicht sich alles Leben wirtschaftlichen Daten unterzuordnen hat.
Diese perverse Haltung hat nicht nur gravierende politische und soziale Folgen, sondern auch kulturelle, hat sie doch über diverse Fetische des Zeitgeists die Sprache und Ästhetik einer ganzen Generation verstümmelt.
Aus dem Geld ist ein Zaubermittel geworden, das die Welt insgesamt in ein „Gut“ verwandelt hat, sei es eine Perlenkette, eine Flasche Branntwein, eine Grabrede oder der Geschlechtsverkehr, und längst wurde der Geist von der Zirkulationsmacht des Geldes überflügelt. „Der Mensch wird geldähnlich. Die Geldähnlichkeit als Ideal der modernen Seele hat die Gottähnlichkeit abgelöst“. (Boris Groys)
Doch wie wird etwas zu Geld und wie berechnet sich sein Tauschwert? Ist es die Arbeit, der Markt, die Knappheit oder gar das Begehren?
„Dichter in dürftiger Zeit“
Die Wertekrise samt ökonomizistischem Sprachverfall ruft nun unweigerlich die Künste auf den Plan, die mit einem beeindruckenden Aufgebot an kapitalismuskritischen Werken aufwarten. So standen etwa die letzten Filmfestivals von Venedig und Toronto ganz im Zeichen der Krise. Die deutschsprachigen Bühnen haben sich ebenfalls des Themas angenommen, etwa mit Werken von Elfriede Jelinek, Kathrin Röggla oder Neuinszenierungen bzw. Bearbeitungen von Émile Zolas „Das Geld“, Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ oder Gottfried Kellers „Martin Salander“.
Der Berliner Regisseur Thomas Ostermaier wünscht sich gar, dass die Krise so brisant durchschlägt, dass alle das gesamte System in Frage stellen.
In der bildenden Kunst zeichnet sich ein ästhetischer Paradigmenwechsel ab: Sperrige, unverkäufliche Werke aus prekärem Material, die sich der Logik des Markts entziehen, gewinnen in Deutschland wie Südamerika an Boden. Zwar war die Krise schon immer implizit ein Sujet der Kunst, selten zuvor wurde sie jedoch derart explizit formuliert.
Aus dem Künstler wird ein „Dichter in dürftiger Zeit“, wie es bei Hölderlin heißt.
Dazu kommt eine Neupositionierung der Kunstszene. Künstler, die sich in den Boomjahren in erfolgreiche Jungunternehmer mit mittelständischem High-Tech-Betrieb verwandelt hatten, werden nun womöglich neue Produktionsformen entwickeln, und manche „Start-up“ – Galerie wird ihr Geschäftsmodell überdenken müssen.
(Konzept der Ausstellung „Konkursmasse“ in der Anlage).
Gleichzeitig nimmt die Suche nach alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen in der öffentlichen Debatte einen breiten Raum ein. In den Feuilletons gilt der amerikanische Schriftsteller und Einsiedler Henry David Thoreau als Vorbild, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts am einsamen Walden-See in Massachusetts für 28 Dollar eine Blockhütte baute und einen Garten anlegte, um ein frugales, aber erfülltes Leben zu führen:
„Most of the luxuries, and many of the so-called comforts of life, are not only not indispensable, but positive hindrances to the elevation of mankind“
Dass in Deutschland derzeit eine Aufwertung ländlicher Lebensformen einschließlich Selbstversorgung mit Obst- und Gemüsegarten und ein Verzicht auf extravagante Luxusgüter wie Fernreisen zu beobachten ist, passt zu dieser neuen Bescheidenheit.
Kult geworden ist die kleinste Bank Deutschlands des Fritz Vogt im schwäbischen Gammesfeld, deren 600 Kunden drei Prozent Zinsen aufs Girokonto bekommen und 4 Prozent für einen Kredit zahlen. Die Kontoführung ist kostenlos, Computer und Geldautomat sind unbekannt. Der Genossenschafter Vogt sagt: „Ich sehe ein, dass man in der Raumfahrt einen Computer braucht. Aber was in einer Bank abgeht, ist dermaßen einfach: Einer hat Geld, der bringt es zur Bank. Der andere braucht welches und holt es sich ab“
(Siehe dazu den Dokumentarfilm „Schotter wie Heu“ von Wiltrud Baier und Sigrun Köhler).
In Südamerika werden zum ersten Mal überhaupt indigene Lebensformen ernsthaft diskutiert. In Bolivien sind die „Rechte der Natur“ in die Verfassung aufgenommen worden als Ausdruck des „sumak kawsay“, was in der Quechua-Sprache „buen vivir“, gutes Leben, oder auch »reines und harmonisches Leben« bedeutet. Es geht dabei um eine Lebensweise, die ein harmonisches Miteinander der Menschen untereinander aber auch von Mensch und Natur ermöglicht.
„Diese in der Verfassung verankerten Postulate stellen einen radikalen Bruch mit der westlichen Kultur dar, mit den Vorstellungen von Fortschritt und Entwicklung. Aber sie sind auch eine Absage an die Moderne. Wir erleben eine Zivilisations-, Umwelt-, Sozial- und Kulturkrise, die zu einem Großteil im Modell des Raubbaus begründet liegt. Beherrschung und Ausbeutung der Natur haben einem Teil der Menschheit Wohlstand und Reichtum eingebracht. Die Vorstellungen vom ständigen Wachstum und grenzenlosen Konsum, die sowohl von Liberalen als auch von Sozialisten getragen werden, zeigen jetzt ihre absolute Unvereinbarkeit mit der Bewahrung des Lebens auf dem Planeten“.
Aus Raúl Zibechi: La mirada del otro/La otra mirada, 2009, Essay fürs Bicentenario-Projekt der Region Südamerika.
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