Bruttosozialglück als Ziel der Entwicklung

Das kleine Himalaya-Königreich Bhutan verfolgt eine Entwicklungspolitik, die statt der Steigerung des Bruttosozialprodukts das Glück und die Zufriedenheit seiner Bürger ("Gross National Happiness") zum Staatsziel erhebt. König Jigme Singye Wangchuck macht so Bhutan zum Modellfall für eine alternative Entwicklung.

Die folgenden vier Schlüsselstrategien bilden den Kern einer Politik zur Verwirklichung von GNH:

1. Eine gerechte sozio-ökonomische Entwicklung. Zur Beseitigung der Armut ist wirtschaftliches Wachstum unabdingbar. Die Sicherung von Arbeitsplätzen und des Lebensunterhalts sind daher notwendige Voraussetzungen für das Glück der Menschen. Bei der Messung des Erfolgs einer Wirtschaftspolitik darf aber nicht allein die Steigerung des Bruttosozialprodukts zählen, vielmehr muss der soziale und wirtschaftliche Beitrag von Haushalten sowie der Gewinn an Freizeit einbezogen werden. Wichtig ist ferner die Verteilungsgerechtigkeit, weil sich Unzufriedenheit nicht so sehr aus der absoluten Armut speist, sondern aus dem Gefühl der relativen Benachteiligung. Dass das Grundübel der meisten anderen Entwicklungsländer, die Korruption, in Bhutan wenig verbreitet ist, wird dazu sicher beitragen.

2. Die Erhaltung der Umwelt. Der Schutz der Umwelt hat einen hohen Stellenwert in Bhutan. Das ist nicht nur eine Überlebensfrage in einem extrem labilen Ökosystem inmitten des Himalaya, sondern dient auch dem Erhalt der bäuerlichen Gesellschaft. 26 Prozent der Landfläche sind Naturreservate und 72 Prozent sind bewaldet. Im Entwurf der neuen Verfassung ist Umweltschutz prominent verankert. Der Erhalt der natürlichen Umwelt hat auch eine wichtige Rolle bei der Förderung des Glücks der Menschen. Deshalb wird ihr Vorrang eingeräumt, wenn sie in Konkurrenz zu industriellen oder kommerziellen Zielen wie etwa der Verwertung der Holzressourcen oder der stärkeren Förderung des Tourismus steht.

3. Die Bewahrung und Förderung der Kultur. Hier liegt vielleicht der heikelste Punkt der GNH-Strategie. In der bhutanischen Gesellschaft, in der eine buddhistische Mehrheit um die Bewahrung ihrer Kultur gegen hinduistische Einflüsse von diesseits und jenseits der südlichen Grenze kämpft, könnte die Verwirklichung aller Menschenrechte und der individuellen Freiheit ein Ende der traditionellen Kultur bedeuten. Jigmi Thinley argumentiert daher, dass für die Erreichung eines Zustands des Glücks und der Zufriedenheit die Einbettung in soziale Zusammenhänge wichtiger sei als die individuelle kulturelle Selbstbestimmung.

4. Gute Regierungsführung. König Jigme Singye Wangchuck betreibt seit Jahren den schrittweisen Umbau des Landes in eine liberale parlamentarische Demokratie. Paradoxerweise stößt dies auf starke Widerstände im eigenen Volk, das die Einführung eines Mehrparteiensystems und den Rückzug des Königs von der absoluten Herrschaft mit Verunsicherung betrachtet. Die neue Verfassung, die gegenwärtig im ganzen Volk diskutiert wird und in einem Referendum verabschiedet werden soll, bestimmt in Art.9, Abs. 2: "Der Staat soll sich bemühen, die Bedingungen zu fördern, die ein erfolgreiches Streben nach Bruttosozialglück ermöglichen."